Mittwoch, 22. Oktober 2014

Augen auf

In dem Buch, das ich zuletzt gelesen habe, geht es um einen Jungen, der Träume befreit. Die Geschichte beginnt damit, dass eine alte Nachbarin ihm ein Mittelchen verabreicht, das ihm die Augen öffnet. Auf einmal sieht er viel mehr, als nur die Menschen an sich. Er sieht, was sie ausmacht.
Sein gutmütiger Lehrer trägt gestutzte Flügel und sein Freund mit Lese-Rechtschreibschwäche hat schwere Hände aus Blei. Seinem Vater klafft eine riesige offene Wunde an der Stelle, an der bei anderen Leuten das Herz sitzt, denn seine Frau kam vor einigen Jahren bei einem Autounfall ums Leben.
Als ich dieses Buch ausgelesen hatte, legte ich es zurück ins Regal und war ein bisschen enttäuscht, dass die Geschichte so unflüssig zu lesen war. Nach ein paar Tagen fing ich an, mir Gedanken darüber zu machen, was die Menschen in meinem Umfeld denn so ausmacht und versucht, die Augen zu öffnen, so wie der Junge aus dem Buch.
Meine Schwester G. ist der gutmütigste Mensch der Welt. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge und wenn sie redet, scheint ihr die Sonne aus den Haaren. Ihr Herz ist bei jedem Satz, den sie sagt, zu sehen und klettert manchmal ganz ungeschützt auf ihrem Kopf herum. Alle Gemeinheiten und anderer Leute schießen wie Pfeile direkt hinein. Wenn ihr Herz zu schwer ist, redet G. nicht viel, denn es liegt schwer auf ihrer Zunge  und ruht sich aus.
Mein Freund N. ist oft sehr blind und auf sich selbst fixiert. Er hat Scheuklappen auf. Egal wie er seinen Kopf dreht und wendet, er kann nur geradeaus schauen und glaubt dabei feste, alles im Blick zu haben. Manchmal wünschte ich, er würde sie einfach absetzen. Aber wie soll er sie absetzen, wenn er gar nicht weiß, dass sie da sind?
Mein Vater ist ein Frettchen. Abgelenkt von allem flitzt er durch die Gegend, als wäre der Teufel hinter ihm her. Alles muss fix gehen, damit die nächste Angelegenheit erledigt werden kann. Sein Fell ist schon ganz abgewetzt von der vielen Hetzerei, aber das weiß er ja zum Glück nicht.

Vielleicht hilft es ja, die Augen zu öffnen, wenn auch nur im eigenen Kopf. Vielleicht hilft es ja, alles besser zu verstehen.



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