Samstag, 12. März 2016

Nicht krank genug um nichts zu tun, aber zu krank, als dass ich etwas tun könnte.


Ich bin 20 Jahre alt und krank.
Nicht krank genug um nichts zu tun, aber zu krank, als dass ich etwas tun könnte. 
Mit tun meine ich leben.  Ein Studium/ eine Ausbildung schmeißen, mich am Wochenende betrinken, mit Freunden um die Häuser ziehen. Ins Kino gehen  oder im Park in der Sonne liegen. Reisen unternehmen und drei Tage wach bleiben.
Ich versuche das alles trotzdem.  Ich bin ja nicht zu krank dafür.
Bin ich aber eigentlich doch. Alles was ich anfange endet mit Schmerzen, Schüttelfrost und  Durchfall. Diese Schmerzen sind unheimlich, als würde alle paar Sekunden giftigstes Gift durch alle Nerven schießen.

Das sind Dinge, die einem das Leben versauen.


Ich gehe jeden Tag, wenn ich nicht morgens schon lieber einfach nicht mehr wäre, zur Arbeit/ in die Schule und falle jeden Tag heulend und so kaputt, als hätte ich einen 19038km langen Gewaltmarsch hinter mir, ins Bett. Kraft, noch Freunde zu treffen – der Tag ist ja noch jung? - Fehlanzeige. Meistens geht es mir so schlecht, dass ich nicht mehr will. Ich gelange jeden Tag aufs Neue nach ein paar Stunden am Ende meiner Kräfte an.
Ich sehe zwar immer müde aus, mache ansonsten allerdings einen kerngesunden Eindruck. Wir jungen Menschen sind ja alle so gebeutelt vom Leben, da sieht man halt müde aus.
Ich schlage mich mit den ganz normalen Problemen herum – was mache ich mit meinem Leben und wie angele ich mir den Mann meiner Träume? Durchschnittsstress halt. Natürlich, denn ich bin ja nicht zu krank, als dass ich eine durchschnittliches Leben führen könnte.
Es ist ein auf und ab, dass mehr Kraft fordert, als ich aufbringen kann.
Ich mache mit, ich treffe mich mit Freunden und quäle mich Freitagabend in die Bar und danach in einen Club, in dem ich mich vor Schmerzen auf dem Klo krümme, bis ich wieder klarkomme.
Ich gehe ins Kino, auch wenn ich früher abhauen muss, weil ich mich nicht mehr im Sitz halten kann. Ich sonne mich im Park, auch wenn mir nach zwanzig Minuten der Schmerzschweiß von der Stirn tropft und ich es kaum nach Hause schaffe vor Bauchschmerzen.
Und manchmal gehe ich zur Arbeit und habe hinterher so viel Energie übrig, dass ich gar nicht weiß, wohin damit. Dann gehe ich freitags in eine Bar und hinterher in einen Club und feiere bis zum Ladenschluss. Dann gehe ich ins Kino und könnte noch tausend Dinge unternehmen. Dann sonne ich mich stundenlang im Park und werde knackig braun.
Für meine Eltern und den Rest der Familie bin ich nur dann krank, wenn Sie anderen davon erzählen, wie schlimm krank ich doch sei.
Ansonsten wird von mir ein ganz normales Leben gefordert, dass ich überhaupt nicht leisten kann. Dass ich nur an guten Tagen leisten kann, vielleicht ein, zwei , sogar drei Tage in der Woche, wenn es gut läuft.

Kann ich ihnen daraus einen Vorwurf machen? Ich glaube kaum. Sie wissen es ja nicht besser.

Für mich ist dieser widerliche Zustand normal. Jahrelang ging es mir zunehmend schlechter, ohne dass ich mich davon einschränken lassen wollte.  Und ohne, dass irgendjemand diese Verschlechterung in aller Deutlichkeit  zur Kenntnis genommen hat – ich mach ja alles so wie vorher, versuche es zumindest- und bin halt öfter am schlafen und schlecht gelaunt.
Je länger man sich in einer schlechten Situation befindet, sei es Krankheit oder ungünstige Lebensumstände, irgendwann verliert man das Gefühl dafür, was normal ist und was nicht. Die eigene Situation fühlt sich normal an, vertraut und anders war es ja lange nicht – wie fühlt sich das anders überhaupt nochmal an?
Ich denke, dass ich längst aufgegeben hätte, wäre ich nicht so stetig in diesen Zustand hineingerutscht. Ich denke, dass das Ausmaß der Schmerzen und der Wertverlust meines Lebens meiner Familie sehr viel deutlicher wäre, wäre alles auf einen Schlag so schlimm.

Die meiste Zeit geht es mir nicht so gut. Es erstaunt mich immer wieder, was das mit einem selbst anstellt.
Es ist als würde ein Vorhang vor einem Teil deiner Persönlichkeit zufallen und alles was dir bleibt, ist die kleine, dunkle Ecke, die übrig ist. Halb so wild, denn in diesem Moment weißt du kaum noch, dass da mehr ist. Wenn ein Körper unter Schmerzen leidet, programmiert er automatisch eine Art Tunnelblick. Ich bin oft sehr beschäftigt damit, mich im Griff zu behalten und wenn ich unter Menschen bin, mir möglichst nichts anmerken zu lassen. So bin ich kaum in der Lage, mich auf irgendetwas zu konzentrieren. Ich mache Fehler über Fehler, die ich im Nachhinein kaum nachvollziehen kann. An solchen Tagen kann ich kaum 5x7 rechnen. Selbst Auto fahren fällt mir ab und an so schwer, dass ich es lieber bleiben lasse.
An guten Tagen ist da viel mehr Licht und Platz. Immer wieder aufs neue bin ich erstaunt, wie viel Energie, Unternehmungslust und Offenheit ich hinter diesem Vorhang versteckt habe. An solchen Tagen bin ich kreuzunglücklich, dass ich mich selbst nur in diesem Moment „nutzen“ kann und der Vorgang wahrscheinlich morgen schon wieder fällt.
Ich weiß, was ich kann. Ich weiß, was hinter dem Vorhang steckt. Ich kann dieses Potential nur nicht zuverlässig nutzen.

Donnerstag, 18. Juni 2015

wir tanzen.



Genau hier will ich bleiben . Hier, wo wir uns so lange aufgehalten haben, dass sich schon eine Kule gebildet hat. Unsere Kule.  Während alle an und vorbei rasen bleiben wir hier.
Am Anfang war es die Zeit, die von der Liebe gestoppt wurde.  Wir hielten den Atem an und wollten für immer stillstehen. Nichts sollte sich ändern. Alles war perfekt.
Also blieben wir stehen. Atmen muss man irgendwann wieder, aber weitermachen muss man nicht.
Also blieben wir blieben stehen, tanzten uns an dieser Stelle ängstlich auf den Füßen herum, während alle an uns vorbei rasten. Ängstlich, dass einer von uns mitgerissen würde. Ängstlich, dass uns unsere Kule nicht mehr reichen könnte. Wenn man die Augen schließt, sieht man nicht, was einen ängstigt.
Unser Lack platzt nicht ab, er strahlt und funkelt. Wir rosten nicht ein, wir bewegen uns ja. Auf einer Stelle. Seit Jahren.
Unsere träge Gemütlichkeit ist perfekt aufeinander abgestimmt. Unser immer gleicher Tanz hat sich in eine Art schläfrige Trance entwickelt. Ab und an öffne ich meine Augen und beobachte deine immer gleichen Schritte. Ich beobachte, wie die Welt sich dreht. Ich beobachte, wie das Leben um uns herum glitzert.  Es rast an uns vorbei und wir bleiben hier. Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich nicht was ich verpasse. Wenn ich mich an dir festhalte, kann ich nicht mitgerissen werden.
Unser Lack platzt nicht ab, er strahlt und funkelt. Wir rosten nicht ein, wir bewegen uns ja. Auf einer Stelle. Seit Jahren.
Manchmal bleibt jemand stehen und reicht mir seine Hand um mich mitzunehmen aus dem Loch in dem wir festzusitzen scheinen. Aber Nein. Nein, danke. Ich kenne unsere Schritte und ich kenne dich. Du bist wichtig. Du und unsere Schritte.
Wir sind nicht mehr ängstlich, denn unser Tanz funktioniert nur hier. Auf dieser Stelle.
Ich sehe, wie das Leben um uns herum glitzert und strecke meine Hand danach aus.
Unser Lack platzt nicht ab, er strahlt und funkelt. Wir rosten nicht ein, wir bewegen uns ja. Auf einer Stelle. Seit Jahren.
Du kannst deine Schritte auch alleine. Es ist warm in unserer Kule. Warm und gemütlich und wundervoll, solange unsere Augen vor unseren Ängsten verschlossen bleiben.
Ich kann nicht mehr stehen bleiben und tanzen. Unsere Kule reicht mir nicht mehr.
Ich möchte dich zwingen die Augen zu öffnen. Sieh, was ich sehe. Sieh, wie alles an uns vorbeizieht und wie das Leben glitzert.
Du kannst deine Schritte auch alleine.

Unser Lack ist abgeplatzt. Wir sind eingerostet. Wir sitzen fest.
Genau hier will ich nicht bleiben.

Mittwoch, 29. Oktober 2014

nichts halbes und mehr als was ganzes

Manchmal denke ich, dass aus mir villeicht nicht nur ein Mensch werden sollte, weil ich mir so wiedersprüchlich vorkomme. Und manchmal denke ich dass ich noch gar kein ganz fertiger Mensch war, als ich hier ankam.

Es gibt Zeiten, da muss ich jeden Tag Leute sehen und Sachen machen und feiern und mit tausend Menschen kommunizieren. An solchen Tagen fällt es mir schwer das Handy aus der Hand zu legen, mich hinzusetzen und mal gut sein zu lassen. Samstag Abend zu Hause verbringen? Kommt nicht infrage!

Es gibt Zeiten, da hab ich keinerlei soziale Bedürfnisse. N. nennt das meine asozialen Phasen. Er findet es irgendwie fies, dass ich einfach zu Hause bleiben und mich tagelang auf dem Bett lümmeln kann, ohne ein schlechtes Gewissen gegenüber irgendwelchen Freunden oder mir selbst zu haben. Mir geht es einfach zu gut dabei ungeduscht und ungeschminkt nichts zu tun. An solchen Tagen fällt es mir schwer das Handy in die Hand zu nehmen und irgendwem zu antworten.

Es gibt Zeiten, da sprudelt mein Kopf über vor lauter Gedanken für die ich keine Worte finde. Dann laufe ich rum wie ein kopfloses Huhn. Sind die Gedanken gut, habe ich unendlich viel Platz dafür. Sind sie schlecht, sprengen sie fast meinen Kopf und machen mich wahnsinnig. Wenn ich Gefühle nicht in Worte fassen kann malt sich mein Kopf einen Cartoon daraus. Wahrscheinlich, damit ich selbst ersteinmal merke was Sache ist.

Es gibt Zeiten, da denke ich nur das was gedacht werden muss. Nicht weiter und nicht wirklich von alleine. Jedes mal habe ich dann so etwas wie Mitleid und Verständis für all die beschränkten Hohlbirnen, die ich sonst nur fassungslose Verachtung übrig habe, obwohl ich in diesen Zeiten ja kein bisschen besser bin. Und jedes mal bin ich gücklich, wenn mein Kopf wieder Platz für mehr macht.

Manchmal frage ich mich, wieso man so ist, wie man ist und eigentlich ganz anders. Wahrscheinlich kennt man sich selbst nicht besser als alle anderen.

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Augen auf

In dem Buch, das ich zuletzt gelesen habe, geht es um einen Jungen, der Träume befreit. Die Geschichte beginnt damit, dass eine alte Nachbarin ihm ein Mittelchen verabreicht, das ihm die Augen öffnet. Auf einmal sieht er viel mehr, als nur die Menschen an sich. Er sieht, was sie ausmacht.
Sein gutmütiger Lehrer trägt gestutzte Flügel und sein Freund mit Lese-Rechtschreibschwäche hat schwere Hände aus Blei. Seinem Vater klafft eine riesige offene Wunde an der Stelle, an der bei anderen Leuten das Herz sitzt, denn seine Frau kam vor einigen Jahren bei einem Autounfall ums Leben.
Als ich dieses Buch ausgelesen hatte, legte ich es zurück ins Regal und war ein bisschen enttäuscht, dass die Geschichte so unflüssig zu lesen war. Nach ein paar Tagen fing ich an, mir Gedanken darüber zu machen, was die Menschen in meinem Umfeld denn so ausmacht und versucht, die Augen zu öffnen, so wie der Junge aus dem Buch.
Meine Schwester G. ist der gutmütigste Mensch der Welt. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge und wenn sie redet, scheint ihr die Sonne aus den Haaren. Ihr Herz ist bei jedem Satz, den sie sagt, zu sehen und klettert manchmal ganz ungeschützt auf ihrem Kopf herum. Alle Gemeinheiten und anderer Leute schießen wie Pfeile direkt hinein. Wenn ihr Herz zu schwer ist, redet G. nicht viel, denn es liegt schwer auf ihrer Zunge  und ruht sich aus.
Mein Freund N. ist oft sehr blind und auf sich selbst fixiert. Er hat Scheuklappen auf. Egal wie er seinen Kopf dreht und wendet, er kann nur geradeaus schauen und glaubt dabei feste, alles im Blick zu haben. Manchmal wünschte ich, er würde sie einfach absetzen. Aber wie soll er sie absetzen, wenn er gar nicht weiß, dass sie da sind?
Mein Vater ist ein Frettchen. Abgelenkt von allem flitzt er durch die Gegend, als wäre der Teufel hinter ihm her. Alles muss fix gehen, damit die nächste Angelegenheit erledigt werden kann. Sein Fell ist schon ganz abgewetzt von der vielen Hetzerei, aber das weiß er ja zum Glück nicht.

Vielleicht hilft es ja, die Augen zu öffnen, wenn auch nur im eigenen Kopf. Vielleicht hilft es ja, alles besser zu verstehen.



So etwas wie ein Anfang

Wie fängt man einen Blog am besten an? Ich habe keine Ahnung.
Was ich habe sind tausend Ideen und Elebnisse, die aus meinem Kopf herausgelassen werden möchten.
Darum werde ich es wohl mit einem direkten Sprung ins kalte Wasser angehen und schon im nächsten Post ohne große Vorbereitung erzählen, als wäre ich schon jahrelang dabei.
Das hier steht also anstelle einer großen Einleitung und da es niemanden gibt, der mich hier wilkommenheißen kann, tue ich das eben selbst:
Liebe Inken, frohes Schaffen und hoffentlich einen leicheren Kopf, der deine tausend Ideen und Erlebnisse nicht mehr alleine durch die Gegend tragen muss.